Das geheimnisvolle Märchenbuch
Höret, ihr Edelleute, Burgfräulein und holde Kindlein!
Es begab sich zu jener Zeit, da wandelte die Jungfer Natalie ahnungslos durch den alten Schulgarten zu Wörlitz. Gar sehr vertraute sie auf ihr wunderliches Zauberkästlein namens Handy, doch siehe da: Im Märchenlande gab es weder W-Lan noch andere Hexereien der Neuzeit. So stand sie plötzlich da wie ein Ritter ohne Ross.
Alsbald traten die Mäuse Max und Moritz hervor, treue Gefährten der schlafenden Prinzessin Dornröschen. Sie verkündeten höchst betrübt, dass die finstere 13. Fee Morgana alle Märchen aus dem großen Buche verbannt habe. Das Buch war leer wie der Geldbeutel eines fahrenden Spielmanns nach dem Jahrmarkt.
Also zogen Natalie und die beiden Mäuse aus, die verlorenen Märchen wieder einzusammeln. Sie fingen eine Lebkuchenhexe, die ihre Gäste lieber verspeiste als bewirtete. Sie überlisteten ein zorniges Rumpelstilzchen, das seinen eigenen Namen allzu laut herausposaunte. Sie begegneten einem gestiefelten Kater, der voller Stolz vegane Rebhühner anpries, und einer goldenen Gans, die mit Nachdruck erklärte, eigentlich eine Ente zu sein.
Unterdessen irrte ein König durchs ganze Land und jammerte unaufhörlich:
„Ich bin der König und hier der Boss, doch finde ich nimmer mein Schloss!“
Sein Hofmarschall wiederum schleppte mehr Kronen mit sich herum als ein Juwelier zum Königstreffen und wusste für jedes Problem eine neue Krone, aber kein Schloss.
Weiter traf die Gesellschaft auf einen Hahn, der sich für den größten Sänger aller Königreiche hielt, auf eine böse Königin mit verdächtig gesunden Äpfeln und auf einen Wolf, der seinen Beruf als Bösewicht bereits gekündigt hatte, alldieweil ihm der Lohn zu gering erschien.
Nach vieler Mühsal, mancher Neckerei und reichlich närrischer Verwirrung ward das Märchenbuch endlich wieder gefüllt. Da erschien Morgana aus Nebel und Zauberrauch und offenbarte, dass die Märchen nur geprüft hatten, ob noch Platz für sie in den Herzen der Menschen sei.
Und wahrlich, die Probe war bestanden.
Der König fand endlich sein Schloss, der Hofmarschall seine Krone, Natalie ihre Liebe zu den Märchen und Max und Moritz ihre verlorene Märchenwelt. Alsdann erschien das Tischlein-deck-dich, die Tafel bog sich vor Köstlichkeiten und ein großes Fest ward gehalten.
Und so endet die Kunde aus dem Märchenlande Wörlitz anno 2025 mit der wichtigen Lehre:
Solange Mäuse mutig sind, Könige ihre Schlösser verlegen und Kinder noch staunen können, werden die Märchen niemals vergehen.
Gegeben zu Wörlitz im Jahre des Herrn 2025, zur fröhlichen Erinnerung an ein gar wunderbares Märchenfest. 👑📖🐭✨

